Gedanken

On quietness

Ruhe. Einsamkeit. Introvertiertheit.

Wie gehören dieses Begriffe zusammen. Alle drei haben wenig mit lautem Auftreten zu tun. Alle drei sind geprägt vom sich befinden in der inneren Welt. Alle drei werden unterschätzt.

Der französische Philosoph Blaise Pascal schriebt 1654: „Alle Probleme der Menschheit resultieren aus der Unfähigkeit des Menschen, alleine in einem Raum zu sitzen.“ Und spricht damit ein nur zu aktuelles Phänomen an. Ich einer lauten Welt, in der jeder Sprechen möchte, in der niemand mehr zuhört, in der immer ein Fernseher läuft, in der immer ein Smartphone in Griffweite liegt, um Langeweile, Ruhe, Nichtstun auszuschließen, in der jeder sich selbst darstellen will, in der jeder gesehen werden möchte, in der der Akt des Gesehen werden wichtiger ist, als der Inhalt oder Nutzen, … in der wir uns darum drücken uns selbst zu spüren. Zu spüren, zu merken, zu realisieren wer wir selber sind. Welche unschönen Dinge sich in unserem Charakter befinden, welche ungelösten Probleme da sind, welche Unfähigkeiten und welche Arbeit unter Umständen ansteht. Wir verlieren uns selbst … Und auch die vielen schönen Dinge, Seiten, Angewohnheiten und liebenswerte Wesenszüge sehen wir nicht mehr. Wir haben unsere Mitte verloren.

Die Harvard Business School trainiert mit ihren Tages- und Seminarabläufen, Verhaltenskodexen und Art zu studieren ein Auftreten für angehende Führungskräften, in dem es wichtiger ist schnell und überzeugt zu reden, als über Inhalt, Sinn und Nutzen erst mal nachzudenken. Darauf bezugnehmend schreibt Anais Nin: „Unsere Kultur hat eine Tugend daraus gemacht, nur extravertiert zu leben. Wir haben die innere Reise, die Suche nach einer Mitte, geächtet. Deshalb haben wir unsere Mitte verloren und müssen sie wiederfinden.“ Es wurde eine Welt geschaffen in der wir „laut“ sein sollen, wer hier nicht mitmacht – oder mitmachen kann – ist seltsam, schwach oder sogar krank. Stille, nachdenkliche Kinder werden zu Psychiatern und Psychologen gezerrt, obwohl sie einfach nur introvertiert sind und sich in ihrer inneren Welt des Denkens und Fühlens sicherer fühlen.

Teilweise sind introvertierte Menschen auch physiologisch hochsensibel und ein Abend mit vielen Freunden, viel oberflächlichen Gesprächen, laute Musik in der Kneipe, viele fremde Menschen beinhaltet viel zu viele Reize – ein extravertierter Mensch saß den ganzen Tag alleine in seinem eigenen Büro und „regeneriert“ sich von einem derart reizarmen Tag mit einem Abend mit Freunden. Ein introvertierter Mensch war den ganzen Tag im Großraumbüro einer permanenten Reizüberflutung ausgesetzt und „regeneriert“ sich abends lieber in Stille im eigenen Wohnzimmer mit einem Buch.

Jeder Mensch „arbeitet“ und funktioniert anders und geschätzt sind ein Drittel aller Menschen introvertiert und es ist schade, das dieses zu einem Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse degradiert wurden, das Empfindlichkeit, Ernsthaftigkeit und Schüchternheit als enttäuschend oder pathologisch eingestuft wird. Ebenfalls ist Extraversion in eine repressive Norm verwandelt worden und alle anderen glauben sich dem anpassen zu müssen. Introvertierte verstecken sich vor sich selbst und in der Gesellschaft oder bringen viel Mut, überwinden viele Ängste und arbeiten an sich selbst, um zu Pseudo-Extravertierten zu werden – um in diesem System zu funktionieren.

Nicht jeder Mensch muss gesellig sein und sich im Rampenlicht wohlfühlen. Introvertierte sind keineswegs immer schüchtern und durch ihre Art erst mal zuzuhören, Fragen zu stellen, Interesse an den Antworten zu haben, sich Gedanken über die Gefühle der Menschen ihnen gegenüber machen und mit Nachdenken einen großen Teil für die Gesellschaft beitragen, sind sie mit Nichten immer und Vorurteilsbeladen „unsozial“.

Leise. Zuhören. Denken. Fühlen. Lesen. Konzentriert. Sensibel. Introvertiert.

Ich bin es auch – und das ist gut so.

Buchempfehlung:
Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt / Quiet. The Power of Introverts in a World that can`t stop talking – Susan Cain

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