Geschichten

Bobby-Luisa und die Trauer

In den nächsten Tagen und Wochen saßen die beiden oft gemeinsam an Josefs Platz und schauten wie er in die Ebene. Manchmal vergingen Stunden in denen sie nichts sagten – er fehlte ihnen. Es war hier oben ihr Zuhause geworden, sie hatten beide keines mehr, wo sie herkamen. Hier nahm Josef sie auf ohne zu fragen, er war glücklich und sie waren glücklich, er gab ihnen etwas, wonach beide sich sehnten.

Es brach eine neue Zeit an für die beiden. Sie waren jetzt wieder alleine, sie hatten nur sich beide und die große, alte und erfahrene Seele gab es nicht mehr. Sie mochten einfach seine Ruhe, die Ruhe in sich selbst, selten erzählte er von sich, aber wenn, dann lauschten sie und hingen an jedem Wort, wenn er ihnen von seinem Aufwachsen auf dem Hof erzählte, wie er verkauft wurde, der andere Hof, dann zum alten Bauern, bei dem er viel helfen musste. Er und seine Frau waren aber gut zu ihm, er mochte die Arbeit. Manche Pferde wurde rein aus menschlichem Ehrgeiz auf Sprungturnieren verheizt, dass Training dafür war unerbittlich, andere mussten sich die Seele aus dem Leib galoppieren auf einer großen Runde, gegeneinander, völlig bescheuert oder im Trab ewig lang im Kreis … warum machen Menschen sowas mit ihnen? Bei Bauern durften andere den Pflug das Feld runter ziehen, am Ende umdrehen und wieder zurück und wieder hin und wieder zurück. Ab und zu musste er das auch, aber meistens ging es in den Wald. Das war gefährlich, gefällte Bäume konnten unberechenbar sein, aber ihm gefiel das, sie dort rausziehen. Jeder Tag war anders, er wurde wertgeschätzt vom Bauern, sie machten regelmäßig Pausen, auch wenn er mal nicht mehr konnte … er mochte den Bauern.

An einem Nachmittag hatte Josef ihnen mal erzählt, wie einsam auch er ab und zu war auf der Weide nach dem Tod vom Bauern. Nicht immer schön sei es gewesen in dieser Zeit. Es täte ihm gut, dass die beiden jungen und manchmal quirligen Einhörner jetzt bei ihm seien und man gemeinsam die Zeit dort habe. Es tat ihm gut. … wenn die beiden an Josefs Platz sitzend sich solche Dinge erzählten, kamen ihnen die Tränen – manchmal konnten sie nicht weiter erzählen, zu weh tat es. Sie schwiegen dann … wie Josef es immer tat.

In der ersten Zeit nach seinem Tod waren sie häufig an seinem Grab im Wald gewesen, doch in der letzten Zeit weniger. Es war ein schöner Tag, die Sonne stand wieder höher, die erste Wärme kam zurück, der Frühling war da. Die ersten Frühblüher kamen auf der Wiese und auch im Wald waren sie zu sehen, teils ganze Flächen. Sie schauten sich beide an und beschloßen einen Spaziergang zu machen … nach einer Weile kamen sie an der Lichtung an. Auch auf seinem Grab blühten sie schon, der Förster hatte ein paar Wochen danach nochmal weiter Erde aufgebracht und einen Findling als eine Art Grabstein aufgestellt, unbeschriftet, aber sie wussten ja, was bzw. wer dort war.

Es stand eine gewisse Ruhe und Stille über der Lichtung, die Sonne schien schräg herein und das Licht war schön anzuschauen. Sie hockten sich an den Rand des Grabes und schwiegen einfach. Tränen kullerten herunter und fielen auf die Erde, warum tat Verlust immer so weh? Franz stellte diese Frage irgendwann – eigentlich einfach nur so in den Raum. Bobby-Luisa musste lange überlegen und antwortet dann: „Weil man vorher so viel gemocht hat.“ War das falsch gewesen? … Nein. Beide stimmten überein, dass das das Leben ist und beides eben dazugehört. Sie schauten sich an und schwiegen dann wieder.

Erst am Abend gingen sie wieder zurück zu ihrer Weide, schauten der Sonne beim Untergehen über der Ebene zu und legten sich dann in ihrem Schober schlafen. Beide träumten von Josef.

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