Geschichten

Bobby-Luisa und das Verlorensein

Nachdem sie ein paar Tage etwas gedankenverloren immer wieder hier und da angehalten hatten und Pause machten, den Gedanken und Fragen freien Lauf ließen, kamen sie jetzt schon ein paar Tage recht gut voran. Generell hatten sie ja kein Ziel, es mussten also keine Kilometer pro Tag zurückgelegt werden – was mit ihren kurzen Beinen eh nicht so viele waren. Irgendwie war es eh eine Reise oder eine Wanderung zu ihnen selbst und nicht irgendwo hin. Sie wanderten der Wanderung selbst wegen und nicht um einen Ort zu erreichen. Manche Orte auf dieser Reise blieben ihnen in Erinnerung, wie der Bauernhof mit den ganzen Tieren, dem Rotti und der liebevollen Bäuerin. Das Leben ist ein Rhythmus, alles wiederholt sich, auch das Gehen ist ein Rhythmus, ein monotones Wiederholen vom immer Gleichen. Manchmal kommen Gedanken in der Stille ohne Bewegung, im Sitzen oder Stehen, ohne Reize von außen. Andere Gedanken oder Ideen wiederumkommen erst mit einer gewissen Sicherheit von außen, eben der Monotonie des Gehens – Läufer kennen das beim Laufen, Laufen ohne Musik, nur der eigene Rhythmus, der Kopf ist woanders.

An einem Nachmittag erzählte Bobby-Luisa dem Franz von dem Film „Fight Club“, den hatten die Menschenjungs mal mit ihm zusammen geschaut. Der Hauptcharakter verliert alles, teils auch unterbewusst beabsichtig, seine Wohnung, seinen Job, alles. Er lernt seinen eigenen Ego kennen und vertraut ihm und macht dann all die Dinge, die ihm vorher durch Konventionen, Glaubenssätze und Regeln verboten worden waren. Er prügelt sich abends hemmungslos im sog. ‚Fight Club‘, ein Kellerraum mit nur wenigen einfachen aber klar definierten Regeln, quasi die Vorstufe/Idee zu den heutigen Käfigkämpfen der MMA. An einer Stelle erklärt ihm sein Ego: „Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun.“ [Tyler Durden, Fight Club] Diese Worte sind ihm in Erinnerung geblieben. Er wirft einen Blick auf den Beutel auf Franz‘ Rücken, der schaut ihn fragend an. „Was?“ Bobby-Luisa antwortet: „Weißt Du, je mehr du besitzt, je mehr mehr Balast du hast, desto mehr bist du gefangen – gefangen an einem Ort, an eine Arbeit, an Verpflichtungen …“. Franz schaut irritiert: „Ja, aber geben diese Dinge nicht auch Sicherheit und auch eine Art Freiheit? Du musst dir über die Futterbeschaffung keine Gedanken machen, nicht über deinen warmen Schlafplatz, du hast andere Tiere oder Menschen um dich herum, die dich beschützen. Das ist doch auch Sicherheit?“. „… und gleichzeitig schränken sie deine Freiheit auch ein. Ist es nicht ein bisschen so, dass wir für Sicherheit mit Freiheit bezahlen und für Freiheit wiederum Sicherheit hergeben müssen?“

Eine Weile wanderten sie weiter, es arbeitet in beiden Köpfchen, denn hatten sie nicht genau das getan? Sie hatten Besitz aufgegeben, damit ein gutes Stück Sicherheit und hatten dadurch – durch ihren aufgebrachten Mut und dem verursachten Verlust – ein großes Stück Freiheit bekommen? Eine Freiheit, die sie jetzt gerade genießen und ihr einziger Besitz ist ein Beutel, der auf den Rücken passt. Ein anderes Thema ist der „Besitz“ im Kopf und das dort lagernde Zeug, all die Aufträge, Verpflichtungen, Glaubenssätze, Erwartungen, Sorgen, Fragen, Zweifel, ausgebliebene Antworten, Erinnerungen an andere Menschen, Trauer und nicht oder noch nicht erfüllte Erwartungen, Vorstellungen und Ideen für das eigene Leben, vorgelebte Lebensmodelle. Diese Dinge sammeln sich genauso an, wie das ganze Zeug im Keller, dem Dachboden oder der Garage. Mistest du nicht regelmäßig und immer wieder aus, erstickst du irgendwann daran.

Es war Abend geworden und sie hatten sich an einer kleinen Höhle an einem Hang ein Feuer gemacht und schwiegen, sie aßen und schauten in die tänzelnden Flammen – die hatten Freiheit, die nahmen sich einfach, was sie bekamen und gaben dafür aber auch wohltuende Wäre ab. Feuer ist manchmal wie mit Menschen, sie geben mit dem richtigen Abstand eine schöne Wärme ab und es geht dir gut, gehst du aber zu nah rann und willst zu viel, dann verbrennst du dich und du wirst verletzt. Sie hatten an diesem Platz einen guten Abstand zum Feuer gefunden und zueinander. Sie blickten etwas auf die zurückliegenden Wochen zurück und auf die erlebten Dinge.

Manchmal hatten sie auch mitbekommen, was in der Menschenwelt los war, was die dort erlebten und welche Sorgen und Fragen sich diese stellten. Sie tauschten sich aus und hatten beide den Eindruck, dass die Menschen gerade viel verlieren, nicht gewollt und in eigener Entscheidung, sondern von außen erzwungen. Es ging Halt verloren, eine Sicherheit aus Zusammenhalt in der Gesellschaft, aus bestehenden gesellschaftlichen Konventionen, aber sie werden immer mehr hinterfragt. Ein Glauben mit Religiösität und einer aktiven Kirche geht verloren und jeder greift jeden sofort an, sobald er nicht exakt die eigene Meinung hat oder sie sofort übernimmt. Es wird dann „Meinungsfreiheit“ genannt: Du hast die Freiheit meine Meinung zu übernehmen oder ich nehme dir jegliche Feiheit und demontiere deine Person. Wem kann man noch vertrauen, wer ist Feind, wer ist Freund? Loyalitäten in Familien gehen verloren, Kinder hinterfragen immer mehr, was ihre Eltern da eigentlich gemacht haben und auch was ihre Großeltern im letzten Weltkrieg getan haben. Dazu kommt der Druck und die Pflicht sich selbst immer darstellen zu müssen – überall und gerade in den Sozialmedien. Ebenfalls wird von jedem eine sog. Persönlichkeitsentwicklung erwartet, konstant und immer hart an sich zu arbeiten. Man soll sich selber finden, der eigene Kern muss gefunden werden, Grenzen müssen setzen werden, egal welche und ob man auch welche hat, egal, immer und überall Nein sagen und abgerenzen … und so weiter und sofort.

irgenwann wissen wir überhaupt nicht mehr, wer wir eigentlich selbst noch sind, welches Geschlecht wir haben und wir wissen erst recht nicht mehr, wo eigentlich unser Platz in der Gesellschaft einmal war, wo in unserem Leben. Welche Gesellschaft es überhaupt noch? Wir sollen uns immer mehr „individualisieren“ und gleichzeitig merken wir nicht, wie wir uns vor lauter Angst ausgegrenzt zu werden – siehe „Meinungsfeiheit“ – dann nur noch z. B. in Sachen Mode alle in der gleichen Uniform rumlaufen und die gleiche allgemein anerkannte „Meinung“ haben. Wir wollten und sollten uns selber finden, haben bei dieser Suche unsere Gesellschaft abgeschafft und sind nun alleine und uns fremd. Wir haben nicht uns selbst gefunden, sondern verloren und sind austauschbar in der Fremde gelandet.

Ist das Freiheit? Nein. Ist das Sicherheit? Nein. Wissen wir noch, wer wir sind? Nein.

„Eine vertraute Taubheit erfasst mich. Wenn ich ein Grundgefühl für die zurückliegende Zeit benennen müsste, dann das des Verlorenseins. Ich habe den Eindruck, in einer Welt zu leben, die mir bekannt vorkommt, die immer noch nach vielen der mir vertrauten Regeln funktioniert, aber dennoch durch eine andere, eine unheimliche Version ihrer selbst ersetzt wurde. Die Sprache entzieht sich mir, wenn ich darüber reden möchte. Sie ist nicht in Reichweite. Sie nickt mir erst aufmunternd zu, nur um sich dann traurig den Kopf schüttelnd wieder von mir zu verabschieden.“ [Daniel Schreiber, Zeit der Verluste, S. 9]

Mit diesen Gedanken legten sie sich geschützt in der sicheren Höhle schlafen und ließen es am nächsten ruhig angehen, sie hatten keine Eile. Sie wussten auch gerade nicht so richtig, wo sie hingehen wollten. Sie waren in diesem Wald nicht verloren gegangen, aber brauchten am nächsten Tag etwas, um wieder eine für sie passende Richtung zu finden. Einen Weg oder Pfad in diesem Wald gab es nur selten, meistens mussten sie ihren eigenen Weg finden. War es mühsam? Manchmal, aber auch schön – es war ihr Weg.

„Manchmal muss man sich verlorengehen, denke ich, muss einräumen, dass man sich verlaufen hat. Manchmal lässt sich nur so die Möglichkeit erlangen, wieder zu sich zu finden. Manchmal kann man die Wirklichkeit erst als die akzeptieren, die sie ist, wenn man sich eingesteht, dass man sie nicht mehr kennt.“ [Daniel Schreiber, Die Zeit der Verluste, S. 64]

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