Geschichten

Bobby-Luisa und der Verlust

Die nächsten Tag waren sie schweigsamer als sonst. Sie wanderten langsamer und machten immer wieder Pausen, schauten dann aber nur in eine Ebene oder anderen Tieren zu. Sie sprachen wenig … die beiden Tage auf dem Bauernhof arbeiteten noch etwas in ihnen. Der Rottweiler hatte die Frage gestellt, ob man sich eine Freiheit häufig nur vorstellt in seinen Träumen – getrieben von einer Sehsucht – und die Realität sieht dann sehr wahrscheinlich anders aus. Sie waren nun eine Weile schon unterwegs, eine große Sehnsucht hatten sie gehabt, sie träumten von Freiheit und hatten dann allen Mut zusammengenommen loszuziehen. Was hilft die größte Vorstellung von Freiheit, wenn man sich hinter ihr versteckt – man ein „ich könnte“ als Ausrede nimmt. Mit Freiheit muss man machmal auch neugierig und glücklich umgehen, aber auch demütig sein, dass man diese Möglichkeit dazu gerade hat. Jeder hat seine eigene Geschichte, jeder hat seine eigene Vorstellung von Freiheit und mal ist sie bei jemandem im Außen stärker, mal im Innen. Freiheit ist ein Gefühl und immer wieder eben auch eine Frage danach.

Solche Möglichkeiten hatten sie sich geschaffen, sie waren zunächst von ihren Menschen-Familien geflüchtet und hatten dort Abschied genommen. Ein Gefühl von Verlust stellt sich bei den erlebten Schmerzen nur wenig ein, eher tatsächlich eine neugierige Sehnsucht, was sie wohl auf der Koppel erwarten werden. Dort eingelebt und in Josef eine vertrauensvolle Stabilität erlebt, spürten sie ein Ankommen. Es war für sie ein Zuhause geworden – neugierig blieben Bobby-Luisa und Franz trotzdem. Vor einer Weile hatte er Franz schon die Frage gestellt, was ein Zuhause eigentlich ist und wie man es spürt – und tatsächlich gibt es ja ein Zuhause im Außen und eines im Innen. Das eine gefunden, heißt nicht, dass man das andere auch gefunden hat. Bedingen tun sie sich nur bedingt. Habe ich garn kein Zuhause im Außen, werde ich es nur schlecht im Innen finden. Habe ich es im Innen gefunden, kann ich eines im Außen auch vielleicht mal aufgeben und diesen Verlust eher verkraften. Vielleicht hatten die beiden bisher weder eines im Innen noch eines im Außen gehabt. Auf der Koppel dann bei Josef fanden sie ein sicheres im Außen – über die Zeit kam eines im Innen dazu. Ein Abschied bringt eine Entscheidung zum Ausdruck, etwas gehen lassen zu wollen, was man unter Umständen nicht mehr zwingend festhalten muss – das Müssen wird weniger.

Der Rottweiler – er hatte ihnen gar nicht seinen Namen gesagt – meinte, dass wichtig einzig ein Losgehen sei, denn ankommen tut man immer und das teilweise auch eher unterwartet. Das Gefühl eines Ankommen spürt man und der Zeitpunkt passt dann. Demut der Freiheit gegenüber ist dann die Akzeptanz, dass man all das nicht wirklich planen kann.

Mit jedem Losgehen und Gehen Richtung Freiheit geht auch immer ein Verlust einher. Man muss etwas zurücklassen, häufig Dinge, die einem eine Freiheit genommen haben. Manchmal sind es Gegenstände, Orte, Beziehungen und eben bestimmte Menschen. Losgegangen fehlt einem unter Umständen zunächst nichts konkretes, aber es kommt mit der Zeit ein eher unbewusstes Fehlen ins Bewusstsein. Es ist nicht konkret greifbar und damit auch nicht konkret betrauerbar. Teilweise ist es eine diffuse Frage, wo eigentlich ein Platz im eigenen Leben ist – der eigene Platz. Bin ich dort bereits angenommen? Wurde mir etwas genommen oder habe ich etwas noch nicht erreicht? Von außen werden Lebensmodelle geprägt und es kann sich unbewusst ein steter Kampf in dieser Suche entwickeln. Was ist ein Verlust?

„Das Schwierigste an den uneindeutigen Verlusten des Lebens allein ist nicht die Trauer um die fehlende Beziehung. Das Schwierigste ist der Abschied von all den Fantasien, die man für sein Leben hatte, den vielen selbstverständlichen Vorstellungen. Man betrauert ein Lebensmodell, das einem nicht nur überall vorgelebt wird, sondern das mann auch selbst verinnerlicht hat.“ [Daniel Schreiber, Allein, S. 84]

Und doch ist häufig bewusst oder unbewusst ein Verlangen oder Absicht hinter einem Losgehen, einem Abschied, einem damit einhergehenden Verlust.

„Wir nehmen nicht zufällig oder aus Versehen Abschied, sondern immer findet sich darin der menschliche Versuch einer Antwort auf eine Veränderung, die aus einer Trennung bzw. einem Verlust hervorgeht.“
[Ina Schmidt, Über die Vergänglichkeit – Eine Philosophie des Abschieds, S. 28]

Auf eine Frage möchten wir eine Antwort bekommen. Die beiden hatten sich vom Rottweiler bestätigt gefühlt, dass man für eine Antwort eben zuerst losgehen muss – mit einer Frage, zunächst ohne Antwort. Hinein in eine Freiheit und eine Orientierungslosigkeit, hinein in eine Suche, einen Abschied und Verlust apzeptierend. Was sich einstellen wird ist eine Trauer und eine Antwort. Die beiden wanderten weiter.

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