Geschichten

Bobby-Luisa und der Abschied

Die Tage begannen kürzer zu werden, die Blätter an den Bäumen färbten sich in wunderschönen Farbkombinationen gelb, orange, braun, rostrot und fast violett und am Morgen lag immer eine Feuchte auf der Wiese. In der Ebene unten fing sich über die Nacht ein Nebel, den sie nicht raus lies bis die Sonne sich in ihrem flachen Stand hoch genug über die Hügel gekämpft hatte und Wärme auch etwas die feuchte Kälte tagsüber vertrieb. Der Wald war von intensivem Treiben geprägt, emsig suchten Eichhörnchen Nüsse und Kerne, futterten sich eine Winterwärmeschicht an, die Rehkitze aus dem Frühjahr waren groß geworden, sie suchten auch fleißig nach noch essbarem und die ersten Vögel sammelten sich in Formationen und traten ihre Reise in den Süden an. Blätter begannen zu fallen, auch auf die Weide und Bobby-Luisa und Franz liebten es auf der Wiese oder im Wald durch das Laub zu fetzen, es zusammen zu schieben zu Hügeln und dann mit Anlaufen rein zu springen und kurz komplett verschwunden zu sein. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich, aber auch etwas melancholisch – der Winter würde wieder kommen und es würde wieder still und ruhig werden, kalt werden, Winterspaziergänge durch den Wald mit knarzendem Schnee unter jedem Schritt waren wiederum echt schön.

Etwas Sorgen machten sich die beiden um Josef. Die letzten Wochen war er weniger aktiv, er lag immer wieder an seinem Platz und schaute in die Ebene hinab, ruhiger war er geworden. Die langen Waldspaziergänge, die Bobby-Lusia so liebte , waren weniger geworden. Ein bisschen hatten sie den Eindruck, dass er große Schmerzen haben müsse, sein Gesicht verzog er ab und zu, manchmal einfach so, manchmal bei einer Bewegung. Darauf ansprechen wollten sie ihn nicht, traurig wurden sie aber. Als sie auf die Weide kamen und in dem alten Heuschober ein neues Zuhause fanden, war ihnen bewusst, dass er schon alt sein müsse, aber irgendwie direkt so realisiert hatten sie es nicht. Beim Spielen sahen sie aus dem Augenblick an einem Tag, dass er mehrfach versuchen musste wieder aufzustehen, zunächst konnte er sich – wohl vor Schmerzen – nicht auf den Beinen halten und musste sich erst wieder hinlegen, dann ein weiterer Versuch. Sollten sie den Förster bitten? Aber mir der Kommunikation war es halt nicht so einfach. Er war zuletzt häufiger da gewesen und auch wenn Josef es nicht zeigen wollte, so bekam er es durchaus mit.

An einem Nachmittag, die Sonne schien auf die Wiese, es war nochmal warm gewesen, er und Franz waren im Wald unterwegs und als sie wieder kamen, sahen sie Josef an seinem Platz liegen, er schaute in die Ebene hinab und neben ihm saß der Förster im Gras auch auf die Ebene schauend und streichelte Josef über das Fell. Sein Hund James, ein ziemlich cooler Borderdcollie, lag nehmen ihm, sah die beiden und machte eine leichte Bewegung mit der Pfote, dass sie den beiden ihr gemeinsame Zeit lassen sollen. Sie gingen in den Schober.

Ein paar Tage später hatten sie am Nachmittag in der Sonne ebenfalls mit Josef an seinem Gras im Gras gelegen, sich Geschichten erzählt, geschwiegen, gemeinsam gelacht, sich gemeinsam an ihrer beider Rettungsaktionen erinnert und auch daran erinnert, wie es vorher war und wie schön die letzten Monate jetzt hier waren und die Zeit ist. Als Bobby-Luisa sich abends in sein Körbchen legte, weinte er still und spürte eine Angst, eine Angst wieder verlassen zu werden oder gehen zu müssen. Genau fassen konnte er es nicht, die Tränen rollten still und lautlos in sein Kissen, zwischendurch bemerkte er, dass Franz auch unruhig war. Lange lag er noch wach, viele gemeinsame Erlebnisse mit Josef gingen ihm nochmal durch den Kopf, an viele Details konnte er sich erinnern, spürte immer die Fürsorglichkeit von Josef ihm gegenüber, ihn immer ernst nehmend und respektierend. Die Tränen rollten mehr, es waren Dinge, die er so nur zu Anfang von den Kindern in der Familie erlebt hatte und auch da, hatten sie ihn nie ernst genommen. Er konnte es nicht in Worte fassen, Josef sagte ja selber gerne mal sehr wenig, aber er hat immer eine Geborgenheit bei ihm gespürt. Hier gab es keine Einsamkeit – manchmal entsteht sie auch einfach durch Nähe und Dasein und nicht durch vieler Worte. Eingeschlafen waren seine Träume wirr und heftig, er träumte von seinen eigenen Eltern, denen er direkt nach der Geburt weggenommen worden war, er konnte sie konnte sie also gar nicht richtig kennen, trotzdem waren sie genau vor seinen Augen. Gemeinsame Dinge erlebten sie und sie fehlten ihm. Zuordnen konnte er dieses Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit, der Einsamkeit, des Verlassensein nie richtig. In den Tagen danach aber wurde es ihm durch diesen Traum immer mehr bewusst: Seine Eltern hatten ihm gefehlt und fehlen ihm. Er war alleine gewesen und ist allein.

Am Morgen schreckt er hoch, ein paar Stunden hatte Bobby-Lusia noch Schlaf gefunden. Ein Nebel hing über der Weide, er war bis in den Heuschober gekrochen, eigentlich wollte er sich nochmal weiter in sein Körbchen kuscheln, Franz schlief noch, aber irgendetwas drängt ihn aufzustehen. Vorsichtig drängte er sich durch die sonst immer knarzende Heuschobertür, auf der Wiese stand dichter Nebel, der Wald war nur noch zu erahnen, das Ende der Weide nicht mehr zu sehen. Langsam und vorsichtig ging er durch das feuchte Gras in Richtung Josefs Platz. Das Fell um die Hufe war schon ganz nass geworden, die Wiese schon eine Weile nicht mehr gemäht. Gefühlt dauerte es eine ganze Weile bis er bei seinem Platz war und da lag er und schlief. Bobby-Luisa hätte erwartet, er sei bereits wach und würde trotz Nebel in seine geliebte Ebene schauen und ihn dann mit einem Lächeln begrüßen, aber er schlief. Langsam ging er zu ihm. Stille. Es umgab ihn eine Stille. Die Augen waren geschlossen. Am Kopf lauschte er an seinen Nüstern, aber er hörte keine Atemluft ein- und austreten, er spürte auch keine. Zunächst ein Gefühl und dann ein Gedanke durchfuhr in langsam und dann immer schneller: Er ist tot!

Mit seiner Schnauze stupste er seinen Kopf an. Nichts. Er stupste kräftiger. Nichts. Er warf seinen kleinen Körper gegen den riesengroßen Körper von Josef. Nichts. Er trat schrie und trat mit den Hinterläufen gegen seinen Körper. Nichts. Er schrie immer lauter und trat immer mehr – Verzweiflung: Nichts. … Ein langgezogener Schrei durchhalte das ganze Tal … Franz kam in Panik aus dem Heuschober her galoppiert und realisiert sofort, was passiert war. Je näher er Josef kam desto langsamer wurde er. Mit Abstand blieb er stehen. Dann stieß auch er einen lang gezogenen Schrei aus, er sank zusammen und weinte. Bobby-Luisa lag am Körper von Josef und weinte, schluchzte, mal warf er sich nochmal dagegen, dann sank er wieder zusammen und weinte. Franz kam zu Bobby-Luisa, legte sich auch an den Körper von Josef und beide weinten sehr lange. Sein Körper war kalt.

Am Nachmittag kam der Förster und sah die beiden Einhörner bei Josef im Gras sitzen, gemeinsam schauten sie „mit ihm“ nochmal in die Ebene. Er setze sich dazu, auch James nahm Abschied von Josef. Es verging eine Weile, er sprach ein Gebet. Später kamen zwei andere Männer, wohl Kollegen von ihm. Josef wurde mit einem Jeep auf einem Anhänger abtransportiert. Langsam fuhren sie in den Wald, einer der Männer fuhr den Jeep, die anderen gingen nebenher. Sie kamen an eine schöne Lichtung, Bobby-Luisa kannte sie. Es war eine große Grube vorbereitet. Der Förster erklärte ihnen, dass er Josef eigentlich zum Tierabdecker bringen müsste, er würde verbrannt und sein Asche entsorgt und das hat Josef nicht verdient. Es sei hier schließlich sein Wald und auch der von Josef gewesen, hier soll er begraben werden. Vorsichtig wurde der tote Pferdekörper in die Grube gehievt. Zu dritt wurde die Erde wieder rein geschaufelt. Bobby-Luisa, Franz und James saßen an der Seite, Tränen in den Augen. Viele wunderschönen Szenen und Erlebnisse kamen ihm in die Erinnerung – aber auch Wortformulierungen von Josef in den letzten Wochen, die er zunächst nicht zuordnen konnte. Jetzt schon.

Auf der Lichtung leicht im Neben eingehüllt war nun ein kleiner Hügel frischer Erde. Die drei Männer stellten sich zu den drei Tieren und schwiegen lange. Der Förster holte eine kleine Bibel aus der Jackentasche und lass mehrere Gebete vor, sie passte zu Josef, seiner Art, seiner Lebenseinstellung und auch zu den Verlusten, die Josef schon erleben durfte. James jaulte einmal auf. Alle lächelten und es wurde ihnen bewusst, dass Josef friedlich einschlafen wollte, an seinem Platz, er in Erinnerung von anderen bleibt und jetzt eben einen anderen Platz hat – nicht weit entfernt von seinem Platz.

Zurück auf der Weide verabschiedeten sich die Männer und James von den beiden Einhörnern. Der Förster sagte zu ihnen, die Weide und der Schober werden genau so bleiben und sie können dort weiterhin leben und den Frieden hier oben genießen, er schaue ab und zu vorbei, im Winter vielleicht etwas öfter und vielleicht mal ein Feuer machen. Er drückte die beiden und verabschiedete sich. Bobby-Luisa und Franz gingen zum Platz von Josef, kuschelten sich aneinander und sie schauten in die Ebene. Der Nebel lichtete sich etwas.

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