Gedanken

On home

Ein Mensch sucht fast immer ein Zuhause – eine Heimat. Die Frage wird gestellt, wo man selber herkommt, wo man sich nicht mehr fremd fühlt, sondern Vertrauen empfindet. Hier besteht also unter Umständen eine Beziehung zwischen einem Menschen und einem Raum bzw. Ort. Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger nennt es eine „räumlich-soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren kann“. Zu hinterfragen ist aber, ob diese Empfindungen tatsächlich nur rein von der Örtlichkeit abhängen oder ob es auch bedingt ist durch die Personen, die dort leben. Anzunehmen ist es, denn weiter sagt er: „Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist“, was zumindest von einem lokal begrenzten Pflegen von Verhalten oder Brauchtum der dort lebenden Personen geprägt wird. Der Rahmen muss daher keineswegs durch die direkte Familie oder enge Freunde bestehen, meistens ist es das aber.

Das Finden der Heimat sollte selbstverständlich sein, man wird an einem Ort geboren, wächst dort auf, die Familie lebt hier viele Jahre bis Ende der Schulzeit oder sogar noch länger. Ausnahmen sind, wenn die Familie früh umzieht oder sogar immer wieder umzieht, die Schule häufig gewechselt werden muss und nie wirklich konstante Beziehung oder Konstellationen entstehen können, Freundeskreise immer wieder auseinander gerissen werden. Zu verkraften ist hier eine unter Umständen auftretende innere Zerrissenheit, die in einer Empfindung münden kann, dann überall Fremdheit zu empfinden. – Entfremdung entsteht. Die Frage nach dem Selbst stellt sich, nach einem Bewusstsein des Selbst. Nur wenn es vorhanden ist, entsteht ein Selbstbewusstsein. Geben hier nicht zusätzlich die eigenen Eltern und Familie Halt, kann auch die innere Heimat verloren gehen. Die deutsche Psychotherapeutin und Autorin Stefanie Stahl stellt dann fest, dass eine Heimat im Außen nicht gefunden werden kann, wenn sie nicht zumidest im Inneren vorhanden ist. Für ein Zugehörigkeitsgefühl muss ich wissen wer ich bin und mich kennen. Natürlich kann der Begriff Heimat auch nur auf die Örtlichkeit, sprich den Geburtsort, begrenzt werden – ein Ort des tieferen Vertrauen ist er dann nicht unbedingt immer.

Die Veränderungen in der Welt in den letzten 20 Jahren mit Zunahme einer Verlagerung des Lebens mehr und mehr in die Virtualität und wichtiger gewordener Soziale Medien erleben wir auch eine Zunahme der Schnelligkeit im Alltag. Antworten auf eine Nachricht werden immer zeitnaher erwartet, Nachrichten verlieren immer schneller ihre Aktualität, Produkte können immer schneller produziert und geliefert werden, die Arbeit erfordert immer mehr Multitasking und Erledigung von immer mehr Dingen gleichzeitig und es resultiert dann ein viel höhere und stetig zunehmender Reizüberflutung. Was heute an einem einzigen Tag an uns an Reizen herangetragen wird, hat ein Neandertaler in seinem ganzen Leben an Reizen erlebt. Das menschliche Gehirn hat sich weiterentwickelt, aber bei weitem nicht in dieser Geschwindigkeit. Wer bleibt da noch bei sich? Wer erlebt sich noch? Wer spürt sich noch? Wer spürt noch seinen Körper? Wer spürt noch seine Gefühle? Wo kommen wir her? Wo können wir noch die bereits genannte Sicherheit und Verlässlichkeit unseres Daseins erfahren? Gibt es noch einen Ort an dem wir runterkommen können, das überdrehte System Ruhe findet?

Wir brauchen Heimat.

[Bildrechte: Ingo Jünemann]

„Die Heimat hat eine große Zukunft, aber nicht mit dem Modell der Vergangenheit.“, sagt der deutsche Philosoph mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie Wilhelm Schmid und bezieht sich darauf, dass eine Begrenzung des Heimatbegriffes rein auf die Örtlichkeit des Geburtsortes nicht mehr zeitgemäß ist. Es ist eine „Erweiterung des Heimatbegriffs ist nötig, denn Heimat ist mehr als nur ein Ort. Sie kann als Basislager des Lebens gelten, von dem aus Erkundungen ins Ungewisse möglich sind.“. Wir spüren diesen Ort auf Reisen, er schleicht sich gerne mal als Heimweh ein und lässt uns freudig an die Rückkehr denken. Im weiteren sagt er, dass wir eine Heimat auch daran bemerken, „dass es wehtut, wenn wir weggehen – und sei es nur für eine bestimmte Zeit. Und egal, was das ist, ein Mensch, ein Ort, eine Arbeitsstelle.“ Heimat wäre hier also mehr ein Gefühl und weniger ein Ort. Es kann die Nähe zu einem Menschen, zu einer Gruppe, zu einem Stadtviertel oder eine Zugehörigkeit sein – unter Umständen fernab vom eigenen Geburtsort.

Heimat ist „immer auch dort, wo ich in Augen schaue, die freundlich zurückschauen.“, sagt Wilhelm Schmid abschließend.

Ohne Heimat im Äußeren verlieren wir unsere Heimat im Inneren.

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